Der Tag der Toten

In Mexiko feiert man Dia de los Muertos, ein farbenprächtiges Fest des Erinnerns. Denn um im Reich der Toten feiern zu können, braucht es die Lebenden, die sich an den Toten erinnern. Schlimm ist in dieser Vorstellung nur das Vergessen werden. Wenn keiner mehr an dich denkt, dann ist das Fest tatsächlich vorbei und du vergehst.

 

Seit ich denken kann, besuche ich zu Allerheiligen Allerseelen den Friedhof von Gleisdorf. Früher mit meiner Großmutter, später stand ich mit meinem Vater an ihrem Grab. Seit der Geburt meiner Tochter gehe ich mit ihr über den Friedhof, der Lichter wegen, der spürbaren Gemeinschaft wegen. Schon lange nicht mehr wegen der Toten, an die ich hätte denken können. Das Herrichten des Grabes stand meinem Gedenken im Weg. Nicht anders in diesem Jahr. Als wir jedoch gestern über den Friedhof spazierten, machte mich meine Tochter auf den Soldatenfriedhof aufmerksam. Vermutlich lag es an der Schlichtheit, die zwischen all dem Prunk und Tand deutlich hervor stach. Wir gingen hin und ich musste vorlesen, oft erklären, warum manche Gräber keinen Namen trugen. Meine Tochter wollte wissen, was hier los war. Die meisten starben im April 1945. Ein paar Tage bevor der Krieg zu Ende war. Die meisten von ihnen unter 25. Wie Gregor Straßbauer, der vielleicht seinen 15. Geburtstag nicht erlebt hat. Ich war bestürzt. Nach all den unzähligen Besuchen hatte ich noch nie ihre Namen gelesen. "Was hat der Gregor da gemacht?" wollte meine Tochter wissen. Er war ja erst so alt wie ein Junge aus unserer Nachbarschaft. Ein Kind in ihren Augen. "Er ist den Krieg gezogen und gestorben." antworte ich kurz, überwältigt von dieser Sinnlosigkeit. "Das ist der Krieg, so sieht er aus, " antwortet mein Mann, "er nimmt alles Leben, selbst das von Kindern." Bestürzt stehen wir da. Ich muss daran denken, wie es für die Angehörigen gewesen sein musste. Zu wissen, dass ihr Kind, ihr Bruder, ihr Neffe, ihr Enkel irgendwo verscharrt war und man selbst kein Grab als Andenken hatte. Irgendwo weit weg liegt Gregor Straßbauer begraben, gefallen wenige Tage bevor der Krieg zu Ende war. Gerade 15 Jahre alt. Eine kleine Tafel trägt noch seinen Namen und niemand ist hier, der sich an den Jungen erinnert, an den Menschen, der er war. Ein Mahnmal, eine Stätte der Erinnerung um die Gräuel und die Sinnlosigkeit des Krieges nicht zu vergessen.

 

Wir werden Gregor Straßbauer in Erinnerung behalten. Ruhe in Frieden und Frieden für die Welt, dafür steht unsere Kerze auf deinem Grab.

 

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Kerstin Feirer

Langäckergasse 27, 8200 Gleisdorf, Österreich