Wie aus dem Versuch, Traditionen zu ändern, eine Tradition wurde

Karierte Flanellhemden. Ein sicheres Zeichen, dass es für mich bald Weihnachten wird. Wie magisch zieht es mich zu diesem Muster, vorzugsweise in Schwarz/Rot/Weiß. Dazu die passenden Jeans, zerschlissen, kombiniert mit schweren Schnürstiefel. Die Musik wird härter, der Punk braucht Auslauf. Das spüre ich. Jedes Jahr um diese Zeit. Facebook schlägt mir Erinnerungen vor und ich bemerke ein seit Jahren wiederkehrendes Thema. Es geht um Muster, mustergültiges Verhalten. Ordnung, Tradition und das Unterbrechen, das scheinbar nicht gelingen will. "Alle Jahre wieder," denke ich, zum Singen fehlt mir die Motivation. Zu keiner Zeit im Jahreskreis fühle ich mich derart aufgefordert, mich damit zu beschäftigen. Keine andere Jahreszeit ist derart reglementiert. Althergebrachte Abläufe bringen die letzten Tage des Jahres in Ordnung. Gerade so, als würde man sonst nicht den Eingang ins neue Jahr finden. Tradierte Wegweiser, die sich offensichtlich bewährt haben. An denen man nicht vorbei kommt, selbst wenn man sich, wie ich, davon herausgefordert fühlt.

 

Ich habe nichts gegen Traditionen. Sie fordern mich nur heraus, ohne, dass ich sie bewerten möchte. Regelwerke erzeugen in mir die Lust, an ihnen zu schrauben, sie zu verrücken, sie weiterzuentwickeln indem ich versuche, ihnen andere Seiten abzuringen. Ich will sie mir eigen machen, eigenartig, im wahrsten Sinne des Wortes. Und so geht es mir mit Weihnachten, das hierzulande viel Zeit und Raum für sich beansprucht. Das auf allgemeines Wohlgefallen trifft und mich von daher besonders reizt. 

 

Seit ich aus der elterlichen Obhut entlassen wurde, also vor 20 Jahren, habe ich nahezu alles versucht, um mich gegen "Weihnachten" durchzusetzen. Damit meine ich das Brechen von weihnachtlichen Traditionen in jüngeren Jahren, bis hin zum erkenntnisreichen Umdeuten des Sinns in der letzten Zeit. Egal was ich tat, nichts davon erzeugte in mir das befriedigende Gefühl, sich der Tradition entziehen zu können. Dem karierten Muster, das sich über diese Jahreszeit legt, wie eine dicke Schneedecke, die in meiner weihnachtlichen Vorstellung für Ruhe sorgt. Selbst der letzte Versuch mir das Fest zu eigen zu machen, indem ich einfach mitmachte, scheiterte an der hohen Erwartung, mich anders fühlen zu müssen als die Jahre zuvor. Traditionell, kurz vor der totalen Bescherung, nahm ich mir auch letztes Jahr wieder vor: "Kommendes Jahr (also jetzt) wird alles anders!"

 

Ist dem so? Ich denke ja. Nicht, weil ich etwas anderes mache als bisher. Nicht, weil ich ein Muster unterbrochen habe, sondern, weil ich ein Muster erkannt habe! Seit 20 Jahren versuche ich etwas anders zu machen. Ich denke darüber nach, bin aufgeregt, dann enttäuscht über den ausbleibenden Effekt und schöpfe Hoffnung, indem ich mir dieses unsägliche Versprechen "aber nächstes Jahr..." abringe. Das ist Tradition! Ohne es zu merken habe ich mir eigene traditionelle Weihnachten geschaffen. Alle Jahre wieder alles anders, könnte man sagen. Bisher jedoch hatte sich meine Tradition an Weihnachten aufgerieben, weil ich meine eigene nicht pflegte, wie es die Tradition verlangt! Das Zelebrieren, das einer Tradition erst die Feierlichkeit verleiht, blieb aus!

 

Heute stehe ich vor meinem Kleiderschrank und fische ganz bewusst nach meinen Karohemden, die meinen weihnachtlichen Look unterstreichen. Ich höre meine Tochter "Merry Christmas" von den Ramones summen und freue mich wie ein Kind über die puristische Deko, die zufällig entstand indem Papierschnipsel einfach am Tisch liegen blieben. Schnee? Wieso nicht! Vielleicht werde ich heuer das Fest im Auto verbringen, in voller Fahrt, genau so, wie es noch nie war: meiner Tradition entsprechend feierlich.

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Kerstin Feirer

Langäckergasse 27, 8200 Gleisdorf, Österreich