Wie ich keine Krankenschwester wurde

Ich denke, ich war acht, als wir das erste Mal zuhause über Berufswünsche sprachen. Das war 1985. Ich, Tochter eines Arbeiters und einer Hausfrau, hatte damals recht eigenwillige Vorstellungen, was meinen zukünftigen Werdegang anging. Päpstin oder Archäologin. Das wollte ich werden. Nicht, weil mich die Theologie besonders interessierte. Oder das Graben in Erdlöchern, das ich bereits im Sandkasten nicht mochte. Es war die Vorstellung, dass ich alles werden konnte, was ich wollte und wenn ich etwas wollte, dann wollte ich alles. Das war damals schon so und das ist mir geblieben. Diese Vorstellung verdanke ich meinen Eltern, die mir früh beigebracht haben, dass mit Fleiß und Ausdauer alles möglich sei. Geschlechter spielten dabei vorerst keine Rolle. Bis zu jenem Tag - ich erinnere mich gut an dieses Gespräch - als meine Mutter und ich am Küchentisch saßen und über meinen "zukünftigen" Beruf sprachen. "Krankenschwester!" meinte meine Mutter. "Krankenschwester ist ein schöner Beruf für eine Frau!" Ich war irritiert. Was war mit Päpstin oder Archäologin? Und wenn schon etwas im Krankenhaus, warum dann nicht Ärztin? Meine Vorstellungen von Krankenschwester begrenzte sich auf Klischees, von denen ich heute weiß, dass sie nicht stimmen. Dienen, dem Arzt folgen, sich hinten anstellen, nichts zu sagen haben. Bezahlte Hausfrauenarbeit im Spital. Und meine Mutter wollte, dass ich später Bettpfannen ausleere. So kannte ich sie eigentlich nicht. War sie es doch, die mir immer wieder sagte, dass Frauen wie Männer "gleich" seien. Das Gespräch endete vorerst mit dem seltsamen Gefühl: Ganz so ist es nicht, mit dem "alles-werden-können"

 

Einige Jahre später, ich stand vor der Entscheidung vom Gymnasium auf eine berufsbildende höhere Schule zu wechseln, kam das Thema wieder auf. Diesmal mit einer deutlichen Erklärung: "Krankenschwester ist ein guter Beruf für Frauen! Gut bezahlt und die Pflege kannst du später auch brauchen. Wegen der Kinder. Und Teilzeit ist auch gut möglich. Wieder gut bezahlt und du kannst Familie und Beruf gut verbinden. Also mit Teilzeit...." Kinder? Familie? Verbinden? Warum sprach meine Mutter im Hinblick auf meinen Berufswunsch bereits von "Vereinbarkeit von Beruf und Familie?" Warum war das wichtig? Und warum nicht Ärztin? Traute sie mir das nicht zu? War ich in ihren Augen zu dumm? Ich habe sie danach gefragt und sie meinte beiläufig:" Wer kümmert sich dann um deine Kinder wenn du voll arbeitest? Du musst an sowas denken und außerdem ist Pflege etwas Schönes. Das liegt uns Frauen im Blut!" Damals wurde mir klar, dass es hier einen großen Unterschied zwischen Frauen und Männern gab. Dieses Gespräch wurde mit mir geführt. Nicht mit meinem Bruder, der zwar auch irgendwann Vater werden konnte, aber die Sache mit der "Vereinbarkeit" war scheinbar Frauensache.

 

Ich wurde nicht Krankenschwester. Und obwohl ich meinen eigenen Weg ging, war dieser gepflastert mit der Erkenntnis, dass der Unterschied zwischen Mann und Frau im Berufsleben größer war, als man mir das als Kind "beigebracht" hatte. Ich war naiv, als ich glaubte, ich kann alles werden, wenn ich nur fleißig und ausdauernd sein würde. Der Begriff "gebärfähig" setzte mir Grenzen, die ich nicht verstand. Ich hatte schließlich noch keine Kinder und warum sollte mir diese Tatsache eine Karriere verwehren? (Diese Aussage wurde wortwörtlich getätigt. Mir wurde gesagt, dass der "Invest" nicht lohnt, da ich im gebärfähigen Alter sei.) Also bekam ich ein Kind. Aus Frust vielleicht, weil ich nicht wusste, wie es beruflich weitergehen würde. Weil es erwartet wurde und ich das Alter des "nicht mehr gebärfähig sein" einfach nicht erwarten konnte. Ich hatte keine Vorbilder, die mir gezeigt hätten, wie Frau sich daraus befreien konnte. Meine Mutter sagte damals: "hättest du nur auf mich gehört..."

 

Ich habe eine Tochter geboren und ihr von Anfang an gesagt, dass sie Ärztin werden könne, oder Archäologin, Astronautin, Physikerin, Musikerin, Friseurin, Unternehmerin. "Werde was du willst!" sage ich zu ihr und im Gegensatz zu meiner Mutter meine ich das auch so. Obwohl ich weiß, dass es für sie schwerer werden wird, als für ihre männlichen Altersgenossen. Ich bin nicht mehr naiv. Ich kann es ihr nur anders vorleben und hoffe, dass sie daraus ihre Schlüsse ziehen wird. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist keine Frauensache. Sie ist nicht entscheidend für die Berufswahl, weil sie Elternsache ist! Diese Grenze habe ich in der Erziehung meiner Tochter überwunden. Hoffend, dass mit ihr eine Generation von Frauen heranwächst, die weitere Grenzen überwinden werden, bis die Geschlechter keine Rolle mehr spielen, außer dass es sie gibt.

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Kerstin Feirer

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