"Identity" nimmt Formen an

Weißt du wie Metall riecht? Anders. Nicht organisch. Ein eigentümlicher Geschmack überzieht Zunge und Gaumen. Nicht unangenehm. Eben anders und ungewöhnlich.

 

Als ich es das erste Mal roch, war ich vierzehn. Ich war Ferialpraktikantin und arbeitete im Magazin der damaligen Siemens SGP Verkehrstechnik. Unmittelbar neben meiner Halle lagerte es. Mannshoch aufgetürmt und in Ordnung gebracht. Fast einen Kilometer lang. In der Früh roch es am stärksten. Bis zur ersten Pause hatte ich mich daran gewöhnt und als meine Zeit als Praktikantin vorüber war, habe ich ihn vermisst, diesen anderen Geruch, der mir im alltäglichen Leben nie unterkommen würde. 

 

Neben dem Geruch in der Nase nahm ich jedoch auch etwas anderes wahr. Ein Gefühl, das mich jedes Mal überwältigte, wenn ich das Betriebsgelände betrat. Als Vierzehnjährige war ich eingeschüchtert von den Dimensionen, mit denen ich es zu tun bekam. Alles überstieg meine Vorstellungskraft. Schwer bedeutete, nicht von Menschenhand bewegbar. Schwer blieb eine Vorstellung, denn die Erfahrung damit oblag einer Flotte von Staplern. Und alles war unglaublich hoch und weit. Ich bekam einen Eindruck von Raum, der nicht der Behausung diente. Die Hallen waren Hüllen. Zusammenfassungen von Ordnungen und Abläufen. Oder Flächen, die kaum zu überblicken waren. Überblick hatte ich damals keinen. Auch in den zwei darauffolgenden Praktika blieben mir dieser Betrieb und die darin stattfindende Betriebsamkeit ein faszinierendes Rätsel.

 

Meine Vorstellung von Industrie hat sich mittlerweile verändert. Zusammenhänge sind klar, Abläufe nachvollziehbar. Organisation ist kein abstrakter Begriff mehr, sondern mein bevorzugter Wirkungsbereich. Trotzdem fühle ich immer noch diese Rätselhaftigkeit, sobald ich ein Betriebsgelände betrete. Womit habe ich es zu tun? Wie kann man etwas fassen, das gefühlt mehr ist, als das Greifbare? Ist es wirklich nur ein Ort, gefüllt mit Menschen und Maschinen die miteinander etwas produzieren? ERP-Systeme spiegeln Betriebsamkeit wieder, übersetzen jeden Vorgang in ein unternehmerisches Paralleluniversum in dem sich große menschliche Sehnsüchte erfüllen: Vorhersehbarkeit. Planbarkeit. Sicherheit. 

 

Identität. Ich habe es mit Identität zu tun. Bestehend aus organischen, anorganischen und digitalen Elementen bzw. Komponenten. Entstanden aus Anlass besitzt sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie ist entwicklungsfähig und kommunikativ. Komplex und trivial zugleich. Ein offenes System, das im Wechselspiel von Innen und Außen Kontur erhält, von dem wir sagen, es sei Industrie, ohne tatsächlich das Wesen erfassen zu können. Autopoiese, meist gelegen an Autobahnabfahrten...

 

Und wir erzeugen sie mit. Wir reden über sie, ohne mit ihr in Kontakt aufzunehmen. Oftmals bleibt sie ein Arbeitsplatz, Wirtschaftsmotor, Sorgenkind, Umweltsünder, ein Aktienkurs mit Gewinnerwartung. Umgekehrt durchwirkt sie die Welt und gestaltet sie in ihrem Streben nach Fortbestand. Und anstatt die Zukunft geschehen zu lassen, gestaltet sie diese durch Innovation.

 

Mit "Identity" versuche ich dem Wesen Industrie näher zu kommen. Einem ästhetischen Wesen. Unbewusst wohlgemerkt, wird auch hier nach "schönen" Lösungen gesucht und danach entschieden. Die Idee von Ästhetik ist allgegenwärtig und wie in der Natur geht es um Effizient, die als schön wahrgenommen wird. Wenn also etwas unbewusst stattfinden kann, braucht es ein Bewusstsein. Und ein Empfinden. Wesenszüge, denen ich nachspüre um sie sichtbar zu machen. Diese Gesichtspunkte sind es, aus denen heraus neue Perspektiven möglich werden, die wiederum Einfluss nehmen auf die Wahrnehmung und Identität stiften.

 

Die Austria Druckguss GmbH und Co KG ist das erste Unternehmen mit dem ich an diesen Inhalten arbeite. Sichtbarkeit beginnt mit Einsicht nehmen und das durfte ich. Als Fremdkörper "Künstlerin" durfte ich eintauchen in die tägliche Betriebsamkeit um all das festzuhalten, was mir WESENTLICH erschien. Betriebsfremd hoffe ich auf einen unverstellten Blick. Naiv könnte man sagen, nicht ahnend, was es wirklich bedeutet, für eine Maschine verantwortlich zu sein. Was mich unbedarft erfreut, erzeugt bei Betroffenen Sorgenfalten. Was ich bewundere bleibt ungesehen, da die betriebliche Priorität nicht das Staunen sondern das konzentrierte "Wissen was tun" vorschreibt. Beeindruckender Alltag, den ich schmecken konnte. Wie vor 25 Jahren, als ich auf den Geschmack kam... 

 

Um auch dich auf den Geschmack zu bringen, zeige ich hier erste Eindrücke 

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Kerstin Feirer

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