öfter mal Giraffe sein

Mag sein, dass ich hitzebedingt nicht ganz auf der Höhe bin. Dass ich an die Steppe denke, wenn die Luft zu flimmern beginnt und ich erfolglos nach Schatten suche. Steppe, Hitze. Das Bild, dass mir in den Kopf schießt, sind Giraffen, die im Gegensatz zu mir, mühelos ihren Alltag bewältigen. (Sofern ich das beurteilen kann. Ich, die Wildnis Unerfahrene)

 

Giraffen beeindrucken mich. Nicht nur, weil sie die Hitze besser ertragen. Sie sind Tiere der Superlative, die höchsten (die an Land leben) und die, mit dem größten Herz. Marshall B. Rosenberg, der Begründer der gewaltfreien Kommunikation, hat seine Sprache nach ihnen benannt. "Giraffisch", wenn dein Ausdruck ein friedvoller ist. Gewaltfrei, einfühlsam, umsichtig.

 

Wir sind keine Giraffen. Wir sind Menschen, die assoziieren können. Und wenn sich eine Assoziation in herausfordernden und konfliktreichen Situationen anbietet, dann ist es das Bild der Giraffe:

 

Behalte den Überblick! Auch wenn man nie alles sehen kann, kann man versuchen auch das zu sehen, wovor man gerne die Augen verschließt. Beispielsweise die eigene Verantwortung, oder das "Gute" daran. Warum das Sinn macht? Weil sich darin Lösungen finden lassen. Wenn ich Teil davon bin, kann ich etwas zur Veränderung beitragen. Ich kann es in die eigene Hand nehmen, ohne warten zu müssen, bis sich die Welt zu meinen Gunsten verändert hat. Das ist sehr erleichternd.

 

Erkenne, worum es wirklich geht! Von hoch oben gesehen bleibt nur das Wesentliche markant. Die ganzen Kinkerlitzchen verschwinden. Keine Details mehr, in denen man sich leicht verstrickt. Was bleibt und deutlich sichtbar wird sind die Aufgaben, die unsere Energie und unseren Einsatz tatsächlich brauchen.

 

Bleib am Boden! Giraffen bewegen sich im Passgang. Dabei sind immer 2 Beine am Boden. Das schafft Stabilität beim "über den Dingen stehen" und Sicherheit bei der Fortbewegung. Für uns Menschen, die wir ohnehin nur zwei Beine haben, bedeutet das, dass wir in spannungsreichen, unsicheren Situationen auf Bewährtes zurückgreifen können. Was hat uns bisher Sicherheit gegeben, was ist bisher gelungen? Wer und was war mir in der Vergangenheit hilfreich? Unsere bisherigen Erfahrungen sind wichtige Ressourcen beim Lösen von Aufgaben. Sie sind wie ein zweites Standbein. Eine gute Stütze, wenn es uns mal den Boden unter den Füßen wegzieht.

 

Und dann wäre da noch das größte Herz der Welt! 12 Kilogramm wiegt es bei einem ausgewachsenen Giraffenbullen. Viel Platz für die eigenen Bedürfnisse. Für Selbst- und Nächstenliebe. Für das notwendige Einfühlungsvermögen um zu verstehen, was bewegt. Und wie es bewegt. Wir unterschätzen oft die Dringlichkeit der eigenen Bedürfnisse und wundern uns über so manche Reaktion. Wir fühlen zu selten in uns hinein, stattdessen gehen wir hart mit uns ins Gericht, wenn das eigene Wollen seltsame Blüten treibt. Würden wir umsichtiger mit uns umgehen, uns öfter mal fragen "was brauche ich?" oder "wie geht es mir damit?", wir hätten mehr Verständnis für andere. Weil wir nachfühlen könnten, was den anderen derart an die Nieren geht. Wer gut für sich sorgt und gut auf sich schaut, kann andere in ihren Sorgen und Nöten sehen. Nachfühlen und vorfühlen um wieder den Menschen im Gegenüber wahrzunehmen. Den man respektieren und wertschätzen kann, trotz seiner Schwächen und wegen seiner Stärken.

 

Sei mal Giraffe! Wenn es in deinem Leben heiß hergeht und das Miteinander einer ausgetrockneten Steppe gleichkommt. Denn dort sind sie zuhause. Diese wunderbaren Tiere, die alles mitbringen, was du zum Lösen deiner Aufgaben brauchst.

Kerstin Feirer

Langäckergasse 27, 8200 Gleisdorf, Österreich