Hör endlich auf, dich anzulügen!

sag ich zu mir. Ein Teil von mir hat es offensichtlich satt, ständig Umdeutungen zu finden, um das erträglich zu machen, was mir schlaflose Nächte bereitet: kein Geld! Und das, obwohl ich als EPU einen mehr als ausgefüllten Arbeitstag vorzuweisen habe. 

 

Viel wurde und wird darüber geschrieben, wie es einer wie mir geht, einer Selbständigen, die in schlechten Monaten weit unter dem Existenzminimum lebt. Wenn die Akquise nicht klappt, weil man zu klein ist, um bei den Großen mitspielen zu dürfen. Wenn die KundInnen teilweise noch weniger haben, als man selbst und sich von daher auch nichts nehmen traut, wissend wie es ist, nichts zu haben. Hinzu kommt noch die Scham, es nicht zu schaffen. Noch immer nicht. Vielleicht auch nie. Wer weiß, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, bei EPU's von meinem Schlag, vermutlich erst im eigenen Totenbett.

 

Spätestens jetzt kommentieren die Schlaumeier, also die, die ein bisserl mehr als Nichts haben und erzählen etwa von Unwirtschaftlichkeit. Erklären mir den Markt, reden von Bereinigung und selber schuld und irgendwas von wegen Untergang des Unternehmertums. Und wie auf Knopfdruck beginnt mein Umdeutungsprogramm zu laufen. Um diesen Schlaumeiern nicht Recht geben zu müssen. Um ihnen nicht ins Gesicht zu brüllen: "ich will niemals so sein wie du! Dein permanentes Anbiedern, deine Überheblichkeit und deine platten Versprechen widern mich an!" Obwohl ich offenbar so sein müsste, will ich meine Rechnungen bezahlen. Wie sehr ich sie doch darum beneide, dass sie locker und leicht, ohne viel nachzudenken, einfach so sein können, wie sie sind...

 

"Offenheit. Mehr Offenheit", denke ich, wenn der Druck besonders große wird und mein Wunsch nach einer explosionsartigen Erleichterung ungeahnte Ausmaße annimmt. Ich nehme mir vor, es auszusprechen wie es ist, wenn man mich danach fragt. "Wie die Geschäfte laufen?" Ich sollte mit "schleichend" antworten und tu es nicht. Ich bringe es nicht über die Lippen, um nicht als völlige Versagerin dazustehen. Aus Angst, dass man mir und meinen Fähigkeiten überhaupt kein Vertrauen mehr schenkt. Schließlich liegt der Firmenwert einer EPU in der Unternehmerin selbst. Ich frage mich, ob sich die KundInnen fragen, wie wertvoll die Leistung dieser, also meiner EPU ist, kriegt sie scheinbar nur Nichts auf die Reihe. Ich jedenfalls würde mich das fragen. Warum also zur Verunsicherung beitragen? Um das Gegenüber zu beruhigen und um es nicht zu belügen, bleibt man bei der schönen Variante der Wahrheit. "Besser geht immer, das kennt man ja!" breites, zweideutiges Lächeln. Oder: "ich bin für die Erfahrungen der letzten Monate sehr dankbar. Ich hab sehr viel über mich gelernt. Ja, das macht mich zu einer besseren Coach..." diesmal mit einem wissenden Lächeln, das die neu errungene Kompetenz des "aus Nichts was machen können" glaubhaft versichern soll. Gesichtsverlust um keinen Preis. Schließlich wird gerade bei EPU's das Gesicht verkauft und wer würde schon etwas kaufen, was keinen Erfolg verspricht?

 

Die Sorgenfalte wurde über Nacht wieder etwas größer. Diesmal wünschte ich, ich hätte tatsächlich mein Gesicht verloren um stattdessen mit einem entspannt lächelnden wieder aufzuwachen. Nix da, die Sorgenfalte bleibt, sowie der Wille, es heute zu schaffen. Weil ich weiß, was ich kann, weil ich weiß, was ich will. Weil ich nicht anders kann. Sonst würde ich es tun...

Um in die Gänge zu kommen, braucht es, neben der zweiten Tasse Kaffee, eine Extraportion Selbstbetrug. So als Motivation um aus dem Bett zu kommen, in das ich, nach einer deprimierenden Telebankingsitzung, erst wenige Stunden zuvor gekrochen bin. Selbstbetrug ist ein hartes Wort. Viel lieber johle ich in mein unausgeschlafenes Spiegelbild: "Rock'n'Roll, Baby! Wenn schon arm, dann aber sexy!" Dabei fällt mir ein, dass ich nicht Berlin bin.

 

Ob ich jetzt, nachdem ich mein Inneres etwas überzeichnet nach Außen gekehrt habe, keine Angst vor Gesichtsverlust habe? Doch, ja, ich fühl mich gerade nicht besonders sicher. Es ist tollkühn, nicht besonders schlau und natürlich würde ich gerne die Kommentarfunktion wegschalten, um mir den selbstgefälligen Senf der Schlaumeier zu ersparen. Gleichzeitig mag ein Teil von mir, wie Anfangs erwähnt, keine Umdeutungen mehr finden müssen, um meine momentane Situation, die ich mit vielen Menschen teile, zu rechtfertigen. Weder vor mir selbst, noch vor der restlichen Welt! Ich will nichts mehr hübscher machen, als es für mich ist. Denn trotz aller Widrigkeiten, liebe ich das was ich tue. Und genau deshalb bin ich gut darin.

Kerstin Feirer

Langäckergasse 27, 8200 Gleisdorf, Österreich