Ohne Körper bist du niemand

Nach dem Gespräch über Schönheit, am Nachhauseweg von Radio Helsinki, stand ich wie erwartet im Stau. Was nicht schlimm ist, wenn man die Zeit, die man versteht, zum nachdenken nutzt. Ich bin also das Gespräch nochmal gedanklich durchgegangen, war zufrieden über das, was ich über Schönheit zu sagen wusste und stieß dabei, eher zufällig, auf ein Wort, das mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht: Körperverachtung

 

Wir sprachen darüber, ohne es auszusprechen und je länger ich jetzt den Begriff mit alltäglichen Situationen in Übereinstimmung bringe, umso unwohler fühle ich mich in meiner weiblichen Haut. 

 

Nichts bereitet soviel Scham wie die weibliche Scham. Während pubertierende Jungs noch voller Stolz Kreidepenise auf die Tafel kritzeln, käme kein Mädchen auf die Idee, es den Jungs gleich zu tun, indem es ebenfalls ihr Geschlecht der Öffentlichkeit zumindest skizzenhaft präsentiert. Falls ein Junge den Mut fasst und sich an die Darstellung des weichlichen Geschlechts wagt - wir sprechen noch immer von der Vagina und nicht von Brüsten - wird nicht geschmunzelt, wie über Kreidepenise, die fast zum schulischen Alltag gehören. Eine Scheide am hellichten Tag geht den meisten Erwachsenen dann doch zu weit. Oder zu tief. Also schnell wisch und weg damit, auch mit der Schamesröte, die das Zusammenstoßen von Schwamm und Vagina, im Gesicht hinterlassen hat.

 

Brüste habe ich bereits angesprochen. Brüste! Der Traum vieler Männer, solange sie nicht alltäglich werden. Eine stillende Mutter erregt Aufsehen, obwohl der Großteil dessen, was die Sittenwächter auf Facebook in Nippelalarmbereitschaft versetzt, im gierigen Mund des Kindes verschwindet. Eigentlich sieht man nichts und trotzdem will man nicht daran denken, dass ein Kind gerade das tut, was man selbst, vielleicht zu späterer Stunde, gerne tun würde. 

 

Und wieder Brüste. Diesmal im Freibad und ganz ohne Scham. B-Cup, denke ich. Und ziemlich unverhältnismäßig in Anbetracht des prallen Bauchs, der weit über die gut behaarten Brüste hinwegragt. Ich betrachte die mollige Frau daneben. Sie trägt eine Tunika und ich wünschte, die beiden könnten ihre Outfits tauschen. Noch im Gedanken bemerke ich, dass etwas in meiner Badetasche fehlt. Das Bikinioberteil meiner kleinen Tochter. Egal. Oder doch nicht. Ich erinnere mich an die Worte einer Freundin, die letztens meinte, die Mädchen wären jetzt schon in dem Alter. Ich frage mich, worin sich die flache Brust meiner Tochter, von denen ihrer Spielkameraden unterscheidet. Außer, dass sie zu einem Mädchen gehört. Kein Oberteil also. Ihr ist es egal. Ich habe ein seltsames Gefühl, gerade so, als würde ich das Mädchen, meine Tochter, zur Schau stellen. Weil ich ahne, was gerne gesehen wird...

 

Naive Sexyness. Körperliche Attraktivität, von der Frau am besten nichts ahnt. Das Wissen darum könnte Selbstbestimmung zur Folge haben. Und die gilt es zu unterbinden, will man Frauen an bestehende Rollen binden.

 

Ich frage mich, ob die Verachtung des weiblichen Körpers, damit meine ich die Reduzierung auf Lustgewinn indem alles Alltägliche hinter Stillzimmertüren, Bikinioberteile oder Tunikas verschwinden muss, nicht dazu führt, dass wir Frauen immer noch großteils NOBODYs sind? Unsere Körper sind nichts SELBST VERSTÄNDLICHES, also uns zugehörig und eigen. Noch immer ist der weibliche Körper Projektionsfläche für das Außen. Was dazu führt, dass wir die Oberfläche schön poliert halten, damit sich die Mode, die Schönheitsindustrie, die Gesellschaft mit ihren "Moralvorstellungen" und natürlich auch das andere Geschlecht darin spiegeln können. Ich frage mich, was sich ändern würde, wären wir Frauen uns dessen stärker bewusst. Ich frage mich, was anders wäre, würden wir selbstverständlicher und selbstbestimmter mit unseren Körpern umgehen.

 

Kerstin Feirer

Langäckergasse 27, 8200 Gleisdorf, Österreich