Heute schon geträumt?

Ein verstimmter Magen ist grundsätzlich unangenehm. Hinzu kommt, dass der Schlaf, nach dem man sich sehnt, auch nicht immer die gewünschte Erleichterung bringt. Mir zumindest nicht, wenn ich an die letzten Tage denken. Was mir auf den Magen schlug, lässt sich mit Sicherheit nicht genau feststellen. Dass der Ärger der letzten Zeit damit zu tun hatte, will ich nicht ausschließen, genauso wenig wie meine Vorliebe für Eisgekühltes, das ich nicht besonders gut vertrage.

 

Ärger hatte ich einigen. Nicht, dass er sich an mir entlud. Vielmehr war es ein Ärgern über Weltanschauungen, die mit der eigenen nicht in Einklang zu bringen war. Trotz allen Bemühens, gerade weil das Verstehen Wollen ein wichtiger Aspekt meiner Weltsicht ist. Also ärgerte ich mich maßlos, hauptsächlich über mich selbst.

 

Das zur Vorgeschichte. Der beleidigte Magen bescherte mir darauf folgend einige alptraumhafte Nächte. Wenig Schlaf, dafür seltsam bedrückende Träume, die mich in den Tag hinein verfolgten. Einer davon beschäftigt mich besonders: ein traumloser Traum, eine Vorstellung von der Unmöglichkeit zu träumen. Damit meine ich nicht das Ausbleiben der REM-Phase. Vielmehr ging es um das Abhandenkommen der Vorstellungskraft. Nichts wurde erträumt, zwecklose Gedanken in Sinne der Nützlichkeit gab es nicht. Schlimm daran war, dass es nichts gab. Bis auf Gegebenheiten, die durch den naturgegebenen Wunsch nach Entwicklung, lediglich kontextuell umgedeutet wurden. Was zur Folge hatte, dass jegliche Substanz verloren ging, da es keine Zuweisung von Bedeutung gab. Denn die hätte man sich vorstellen müssen...so die Kurzfassung

 

Warum mich das so beschäftigt ist schnell erklärt. Ich denke, wir leben momentan in einer ziemlich traumfeindlichen Zeit. Das hat viele Gründe. Sicher liegt es daran, dass das Festhalten an großen Visionen schnell mit Fundamentalismus gleichgesetzt wird. Was daran liegt, dass große Träume/Visionen keine Anleitung mitliefern, wie sie sich in die Realität umsetzen lassen. Ideologien sprießen aus dem Boden und bieten unterschiedliche Handlungsspielräume an. Eine gemeinsame Ethik? Fehlanzeige. Denn selbst am Frieden für die Welt scheiden sich die Geister, ob seiner "Nützlichkeit".

 

Der Nutzen. Der Traumräuber schlechthin! In unserer traumfeindlichen Zeit bestimmt er über das Wohl und das Wollen! Hehre Ziele, die nicht unmittelbar nützen, werden, sofern sie nicht der Forschung und Entwicklung  dienen (also wieder nützen), als Spinnerei deklassiert. Sich damit zu beschäftigen wirkt einfältig, hedonistisch, obsessiv und endet mit einem pathologischen Befund. Nicht normal. Also krank. Und hoffentlich nicht ansteckend. Dabei ist gerade unsere Vorstellungskraft, also das Erdenken von dem, was nicht da ist, die Fähigkeit, die uns zu Menschen macht. Die Grundlage für alles, was durch uns Bedeutung zugewiesen bekam, der Ursprung von Entwicklung.

 

Mein traumloser Traum war ein Alptraum. Zu bemerken, wie wir heute noch mit dieser unserer Fähigkeit umgehen, ist nicht weniger erschreckend. Ich träume davon, dass wir unseren Träumen mehr Beachtung schenken. Ihnen nachgehen und selbst wenn uns das nicht nützlich erscheint, nicht jene dafür verurteilen, die es tun wollen. 

Kerstin Feirer

Langäckergasse 27, 8200 Gleisdorf, Österreich