No future extrem angesagt

heißt es in "Helden von heute". Veröffentlicht wurde der Song 1982. Falco beschreibt darin die Interessen einer hedonistischen Gesellschaft. Einer erfolgreichen Gemeinschaft aus Egozentrikern, die tun wie sie wollen, weil sie es können. Die Helden von heute haben ein schönes Leben. Bequem ist es. Und ja, sie haben den Blick in der Zukunft, wobei sich dieser Blick lediglich auf die eigene richtet und nicht Zukunft per se meint. Heldenhaft ist nicht was sie tun. Um ein Held von heute zu sein, reicht das richtige Weltbild, nämlich genau jenes, das dieses herrliche Leben ermöglicht. Wie dieses genau aussieht, lässt Falco offen. Ablenkung ist das Zauberwort. Konsumiert wird alles und was nicht gekauft werden kann, wird zum Spiel. Bloß nicht ernst werden, schließlich will man heute leben, als gäbe es kein Morgen. No future extrem angesagt...

 

Zugegeben, ich bin keine gute Spielerin. Und Heldin bin ich auch keine. Nicht, weil ich mich moralisch erhoben hätte um mit dem Zeigefinger rumzufuchteln. Ich habe versucht, eine Heldin von heute zu sein. Mich darum ernsthaft (vielleicht liegt mein Scheitern darin) bemüht. Manchmal hatte ich sogar den Eindruck, Teil davon zu sein. Nur war ich nie lange genug dabei, um diesen Lebensstil als meinen eigenen zu betrachten. Ich empfand ihn immer als aufgesetzt, die damit einhergehende Leichtigkeit des Seins trotzdem genießend. Heute denke ich noch oft: "wieso kann ich nicht so sein? Einfach mal hinter mir die Sintflut und fertig..." Ich kenne die Antwort auf diese Frage. Ich bin ein Hosenscheißer. Ich habe Angst vor der Sintflut hinter mir, davor, dass ich nicht schnell genug laufen kann und sie mich einholt. Und dann? Was ist dann?

 

Am Anfang der 80er war die Sintflut noch weit weg. Tschernobyl war 1986, also 4 Jahre nach erscheinen von "Helden von heute". Der Klimawandel war noch nicht in aller Munde. Dafür gab es das Ozonloch. Ein Loch, dass es zu stopfen galt. Oder eben nicht. Denn wie bei den heutigen Klimadiskussionen wurde auch das Loch nicht immer ganz so ernst genommen oder wegdiskutiert, je nachdem, wer gerade das Wort hatte. 10 Jahre vor erscheinen von "Helden von heute", also 1972, wurde in St. Gallen eine Studie zur Zukunft der Weltwirtschaft vorgestellt. Besser bekannt unter "Die Grenzen des Wachstums". Daraus wurde fleißig zitiert. Kritisiert wurde sie natürlich auch. Angedacht wurde viel, umgedacht haben einzelne. Die Masse blieb unbeeindruckt. Und so konnte Falco seinen Song schreiben. 10 Jahre später. Denn "no future" war eben extrem angesagt, nur eben unter anderen Vorzeichen, als in den "Grenzen des Wachstums" beschrieben.

 

Mittlerweile sind 35 Jahre vergangen. Die Helden von heute gibt es noch immer. Gemessen am Bevölkerungswachstum wurden sie weniger, dafür haben sie wesentlich mehr Macht. Und die Welt? Die spielt nach wie vor nach ihren Spielregeln. Schließlich ist es ihr Spiel, auch wenn das Brot längst nicht mehr für alle reicht. Auch für jene nicht, die vor 35 Jahren selbst die Helden waren. Der einzige Unterschied zu damals ist die Sintflut, die man hinter sich lassen muss, will man leben, als gäbe es kein Morgen. Die Sintflut hat im Gegensatz zur Annahme nicht auf das Morgen gewartet, das nie kommen sollte. Sie ist da und fordert ihre Opfer. Die Schwächsten ertrinken immer zuerst. Oder verhungern, wie die Menschen in Burkina Faso, Gambia, Kamerun, Mali, Mauritanien, Niger, Nigeria, Senegal, Tschad, Somalia, Kenia, Äthiopien und Dschibuti. Dass diese Menschen nie die Helden von heute waren, macht ihr Leid um einiges perfider. Ihr Hunger ist nicht ihre gerechte Strafe für ihr heldenhaftes Verhalten. Sie bezahlen lediglich die fremde Rechnung im Selbstbedienungsladen der Helden.

 

Zumindest wird bezahlt. Wie für den den Müll, den der Norden in den Süden verkauft um den Dreck nicht direkt vor der Haustür zu haben. Wenn das Wasser schon kontaminiert werden soll, dann bitte wo anders. Doch die Sintflut macht auch vor jenen nicht halt, die sich noch freikaufen können. Wir werden überflutet mit Angst. Angst davor, dass sich etwas ändern könnte. Angst vor all jenen die kommen, weil ihr bleiben einem Todesurteil gleichkommt. Nervös betrachten die Helden ihre Selbstbedienungsmärkte, und reagieren hysterisch auf die kleinste Veränderung, wissend, dass ein Tropfen ausreicht um Märkte zu überfluten. Wissend, dass sie selbst zum Opfer werden könnten, spekulieren sie noch mit einem blauen Auge wie nach der Bankenkrise.

 

No future ist leider abgesagt. Weil sie bereits da ist. Ich wünschte, ich wäre eine unverbesserliche Pessimistin, die sich irrt. Aber so lange ich nicht schwimmen kann, solange ich keine Vorstellung davon habe, wie die Sache für uns alle gut ausgehen kann, lasse ich die Sintflut nicht hinter mir, sondern blicke ihr entgegen. Nicht heldenhaft. Ich bin keine Heldin von heute.

Kerstin Feirer

Langäckergasse 27, 8200 Gleisdorf, Österreich