Brett vor dem Kopf?

Mittlerweile habe ich mich an die Ratschalgmentalität in den Sozialen Netzwerken gewöhnt. War nicht immer so. Dass ich kommentarlos den Senf mancher Würstchen stehen lassen kann, ist eine Errungenschaft, die ich durch Atemübungen in den Griff bekommen habe. Womit ich mich jedoch vermutlich niemals arrangieren kann, ist der gut gemeinte Rat für jegliche abscheuliche Lebenslage, nämlich: "Denk doch mal positiv..."

 

Was für eine Forderung. Und vor allem: wozu? Hat sich dadurch etwas verändert? Wurde damit die Herausforderung gemeistert? Eine Lösung gefunden? Na gut, man fühlt sich besser. Zumindest so lange, bis das Thema ein höheres Level erreicht. Weil es, dank des guten Gefühls, unbearbeitet blieb und ungestört weiter eskalieren durfte. Wer weiß, wozu das dann wieder gut war...

 

Zu negativ? Na gut, dann versuchen wir es mit einem Beispiel. Du verlierst EUR 100,00. Hast du genug EUR 100,00 Scheine, dann wird dir das egal sein. Es ist kein Problem, höchstens blöd. Vielleicht denkst du darüber nach, wie du deine Schusseligkeit in den Griff bekommst, vielleicht kaufst du dir eine neue Geldbörse, weil die alte ein Loch hat. Fertig. Jemand, der knapp bei Kasse ist, für den ist der Verlust von EUR 100,00 ein Problem. Der Ärger ist groß, die Sorge noch größer, weil zu wenig da ist. Manch einer macht seinen Unmut auf FB Luft und bekommt postwendend den glorreichen Rat: "denk positiv! Wer weiß, wofür das gut war..." Natürlich macht man dem Finder eine Freude. Und ja, jetzt hat man mehr Platz in der Geldtasche. Nur, hat man damit die offene Rechnung bezahlt? Ändert das was? Ja, gewiss fühlt man sich besser. Zumindest so lange, bis die Mahnung ins Haus flattert...

 

Aus dem Coaching und der Mediation kennen wir auch "denk positiv". In einer etwas abgewandelten und in wesentlich weitreichenderer Form. Wir nennen es Reframing oder Umdeuten. Unser Ziel ist es, Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Wir weisen zusätzlich Bedeutung zu - nicht, um die Situation so lange umzuformulieren, bis sie uns annehmbar und passend erscheint. Wir sähen den Zweifel, dass die Sache vielleicht doch nicht so verfahren ist. Wir schüren die Hoffnung auf Lösung, indem wir sie als "bloß noch nicht gedacht" ins Spiel bringen. Damit schaffen wir wieder Raum für Möglichkeiten. Für Handlungsoptionen und Denkansätze, die dazu beitragen, um etwas zu klären oder zu erledigen. "Was ist gut daran?" ist höchstens eine Eingangsfrage. Nie ist sie der Weisheit letzter Schluss. Denn wer nicht mehr schwarz sehen will, der muss das Brett vor dem Kopf los bekommen, damit man die Lösung vor Augen hat!

 

Um uns wirklich besser zu fühlen, brauchen wir Optionen. Möglichkeiten, die wir in Angriff nehmen um unsere Situation zu verbessern. Bewertungen wie positiv oder negativ spielen dabei eine untergeordnete Rolle, außer, dass sie unseren Horizont vergrößern oder verkleinern. Für die verlorenen EUR 100,00 bedeutet das, dass wir unsere Gedanken darauf lenken sollten, wie wir das finanzielle Loch stopfen können - nämlich wurscht, ob sich der Finder darüber freut oder nicht.

Kerstin Feirer

Langäckergasse 27, 8200 Gleisdorf, Österreich