Dying Robots

Erinnern sie sich an HAL 9000? Das rote Kameraauge aus dem Film „2001: Odyssee im Weltraum“ unter der Regie von Stanley Kubrick? 1968 war HAL 9000 die Horrorvision einer Zukunft, die man sich ohne Internet, Big Data oder Pflegeroboter vorstellte. Damals reine Fiktion. Die digitale Revolution stand der Menschheit noch bevor. 49 Jahre später hat selbst die alltägliche Gegenwart die damalige Zukunft überholt. Wir bitten Alexa, Pizza zu bestellen und die Alarmanlage scharf zu schalten.

 

Das Problem mit der Zukunft ist ihre Ungewissheit. Wir können uns nicht über sie unterhalten, ohne an etwas glauben zu müssen. Was davon Irrglaube oder zukünftiger Alltag sein wird, darüber können wir streiten. Unbestritten ist jedoch das Streben nach Fortschritt. Maschinen, die sich selbst verbessern, Bots, die zur Projektionsfläche menschlicher Sehnsüchte werden, unbegrenztes Bewusstsein mittels Gehirninterface. Daran wird geforscht. Dorthin fließen Milliarden. Manches klingt nach Verschwörungstheorie. Alles erinnert an gute alte Science Fiction. Und dann fällt uns Alexa ein, die zu Zeiten von HAL 9000 noch undenkbar war.

 

Ist das „Töten“ von Robotern eine Lösung? Und wenn ja, für welches Problem? Eines , das wir uns nicht vorstellen können, weil es in einer unbekannten Zukunft liegt? Ewald Ulrich von der Kulturinitiative Fokus Freiberg und HAPETIKU (Artificial Artist Intelligence) liefern keine Antworten. Auch keine Fragen. Sie inszenieren eine Zukunft mit gegenwärtigen Mitteln. Sie bieten eine altbekannte Lösung für scheinbare Probleme: die Vernichtung. Ohne sicher zu sein, dass damit etwas gelöst wurde. Man beginnt mit dem Hack eines Captchas. Erfolgreich wird es entfernt, das Publikum jubelt, Arbeitsplätze wurden geschaffen. Zumindest rechnerisch, wie HAPETIKU bestätigt. Und ungeachtet der mahnenden Worte des Chatbots Mitsuku: „Thou shalt not kill“, die sich zusehends zum moralischen Gewissen der surrealistisch anmutenden Situation entspinnt. Sie ist es, die grundsätzliche Fragen der Ethik in den Raum wirft, während Ewald Ulrich und Karl Bauer mit Messer und Schlachtschussapparat das selbstfahrende Auto „Fiat Lux“ zum Brennen bringen.

 

Die Zuschauer jubeln nicht mehr. Es riecht nach verbrannten Plastik. Für einen Moment fühlen sie sich bedroht. Von einer Maschine, die in Flammen steht. Kopfschütteln, oder lüften. Hauptsache es lenkt ab. Wie der kleine Roboterhund Trixxi, der bereits den ganzen Abend die Zuschauer zum Spielen auffordert. Ein smartes Spielzeug, dessen aktuelle Version mittlerweile über eine weit höhere Sprachkompetenz verfügt, als der 3 Jährige Spielkamerad und seine Eltern zusammen. Dem Internet der Dinge sei Dank. Und dem ansprechenden Design. Wer findet Trixxi nicht süß? Wie lange brauchen wir, um zu Dingen eine Beziehung aufzubauen? Nicht lange, wie es scheint. Trixxi soll nicht zerstört werden.

 

Erste Einwände werden geltend gemacht. Man nähme den Hund mit nachhause. Bitte nicht töten! Das Zertreten des Roboterhundes wird von Puh-Rufen übertönt. Menschen wenden sich angewidert ab. Zurück bleiben zuckende Plastikgliedmaßen, die sich nicht ausschalten lassen. Der Akku solle endlich ausgehen. Oder zu brennen beginnen, wie zuvor bei Fiat Lux. Die Zuschauer werden zum Totenmahl gebeten. Sie folgen. Nicht wortlos. Nicht ohne darüber zu diskutieren. HAL 9000 war gestern. Alexa ist heute. Und was kommt morgen? Man gibt sich Antworten, an die man glauben will. Unbedingt. Als wäre sie nicht ungewiss, die Zukunft, die bereits begonnen hat. Ewald Ulrich nickt zufrieden und HAPETIKU bestätigt.

 

Mitwirkende:

Ewald Ulrich, Prozessbegleitung, Schlächter, Interviewer

Kerstin Feirer, Prozessbegleitung, Interviewer

Karl Bauer, Schlächter, Arzt

Sonja Herbitschek, moralische Stimme Mitsuku

Dominik Peyerl, musikalischer Abgesang auf die Menschheit

Kerstin Feirer

Langäckergasse 27, 8200 Gleisdorf, Österreich