SEX(ismus) SELLS

Ich hasse Sexismusdebatten. Der Umstand, dass er immer noch zur Diskussion steht, übersteigt meine Toleranz. Ich bin es leid, Umstände wie "ungleicher Lohn für gleiche Arbeit" erklären zu müssen, weil der Begriff "bereinigte" Statistik nicht verstanden wird. Ich habe es satt, Zusammenhänge zwischen Kinderbetreuung, Auswahl des Berufs und Altersarmut, gebetsmühlenartig zu repetieren. Gerade so, als wäre das Gegenüber nicht in der Lage, sich selbst schlauer zu machen. Ich muss überzeugen. Fakten liefern, aufklären und meine Selbstbestimmung verteidigen, mich anblaffen und beleidigen lassen. Frauen, die sich mit dem Ist nicht zufrieden geben, stehen am Pranger. Nicht jene, die nicht verstehen und nichts ändern wollen. Das ist eine verkehrte Welt!

 

Die verkehrte Welt ist meine Welt. Ich lebe und arbeite in ihr. Die große Veränderung ist nicht in Sicht, sofern ich die zunehmende Zuwendung  zu den "alten Werten" ausblende. Wobei es sich hierbei nicht um "Werte" handelt, sondern um unreflektierte Konzepte der Vergangenheit. Könnte mir eigentlich egal sein. Jeder wie er will. Nur haben regredierende Gesellschaften die Eigenschaft, alles zu verdrängen, was anders ist. Offenheit ist nicht zu erwarten. Sie ist der Anlass zur Angst vor Veränderung. Die man eben nicht will und die dazu veranlasst, auf alte Konzepte zurückzugreifen, weil man meint zu wissen, womit man es  zu tun hat. 

 

Mein Beobachtungsraum ist die Bekleidung. Ihre Symbolsprache und die Themen, die verarbeitet in den Kleiderschränken hängen. Sie war und ist ein hoch komplexes, nonverbales Kommunikationsmittel, das über Stand und Lebensumstände (Tracht) genauso Auskunft gibt, wie über den jeweiligen Zeitgeist (Mode). Die "Dekoration" (Orden, Farben, Stickereien, Stoffqualitäten) liefern die deutlichsten Aussagen, weil sie sich von der Grundfunktion der Bekleidung am stärksten abhebt. Veränderungen der Silhouette gehören zu den fundamentalsten Aussagen. Wahrgenommen werden sie jedoch nicht unmittelbar, da sich die Form nicht über Nacht ändert, sondern die neue Erscheinung einer schleichenden Entwicklung unterliegt. Es sei denn, es handelt sich um Revolutionen, wie das Weglassen des Mieders, oder die Hose für die Frau. Das war Frauenpolitik in textiler Form.  Ausbrüche einer emanzipatorischen Bewegung, die mehr Bewegungsspielräume für Frauen in der Gesellschaft forderte. In der Dynamik, der scheinbar alle gesellschaftlichen Entwicklung unterliegen: Diffamierung, Regression jener, die von Veränderung nichts wissen wollen, Bestrafung (für das Tragen von Hosen wurde frau arretiert), Gewöhnung, Normalität.

 

Ich lebe in einer verkehrten Welt. Emanzipation ist mein Thema, Bekleidung mein Beobachtungsraum. Silhouetten kann ich nicht verändern. Deshalb verdeutliche ich das Dekor. Ich mache es lesbar. Ich treffe textile Aussagen, weil ich es satt habe, darüber zu diskutieren. Und SEX(ismus) SELLS. In einer verkehrten Welt ist es einen paradoxen Versuch wert.

Kerstin Feirer

Langäckergasse 27, 8200 Gleisdorf, Österreich