Von alten Konzepten, die der Zukunft nichts nützen

Parolen. Wohin man hört. Ideologie, wohin man blickt. Ob nun auf der Straße, oder hinter einem Rednerpult, von dem aus man ein Land regieren will. Die einen brüllen "Klassenkampf" und üben sich in nostalgisch verklärten Attitüden. Junge Menschen, die in der Lage wären, etwas Neues zu entwickeln. Die anderen machen nichts anderes. Man kramt in der Schatzkiste der Vergangenheit und zerrt Konzepte ans Licht, die irgendwann funktioniert haben. Dass die Zeiten andere waren, daran will man nicht denken. Zu gerne hätte man sie wieder, die "goldenen Jahre", die nur durch die Möglichkeit der Rückschau einfacher waren. Dass man aus der Vergangenheit lediglich lernen kann, sie sich jedoch nicht auf die Zukunft übertragen lässt, scheint kaum bedacht zu werden. So steht man da und fragt sich, ob man wie durch ein unseliges Wunder in einem Don Camillo und Peppone  Film aufgewacht ist. Zu einer Zeit, in der die Zukunft noch Zeit hatte.

 

Wir stehen unter Druck. Wir alle, ohne eine nationalstaatliche Grenze ziehen zu können. Zu stark sind die internationalen Verflechtungen, als das man Staaten als Inseln betrachten kann. Mit Mikroklima. Abgekoppelt von globalen Entwicklungen. Wir alle sind eingebettet in dieser Welt, die sich bedingt. Ohne Ausweichmöglichkeiten. Auch wenn einigen das Konzept der Abschottung, und damit meint man das Hochziehen von physischen wie auch ideologischen Grenzen, als Strategie vorschwebt. Was damit erreicht wird, ist ein kurzer Moment einer scheinbaren Ruhe. Ein Vakuum. Denn um diese störungsfreie Zone herum, dreht sich die Welt weiter. Und man dreht sich mit, egal wie hoch die Grenze gezogen wurden.

 

Wir haben uns der Zukunft zu stellen! Das ist unser ureigenster Auftrag. Auch wenn wir sie nicht erleben werden, tragen wir heute schon Verantwortung dafür. Wir setzen Kinder in die Welt und hoffen für sie auf ein gelungenes Leben. Wir denken Morgen, schmieden Pläne und haben Ideen. Manche Idee ist nichts anderes, als der Rückschluss einer gescheiterten Idee, eine andere ist noch nie dagewesen. Eine Fantasterei, die sich erst durch das Erwachsen von Möglichkeiten realisieren lässt. Wie der große Traum vom Fliegen. 

 

Wer, wenn nicht wir, hat die Möglichkeiten und die Mittel, zukunftsträchtige Ideen in die Welt zu setzen? Damit meine ich eine offensive Auseinandersetzung mit möglichen Szenarien, die sich weltweit bereits abzeichnen. Es geht nicht um Gegenkonzepte, um Zukunft zu verhindern, sondern um Haltungen, die ein gelungenes Leben zukünftig ermöglichen! Wir hier in Österreich könnten ein Labor für Zukunft sein, indem wir uns zu ihr bekennen, anstatt sich die Vergangenheit zurückzuwünschen! Wir können sie erproben, indem wir uns thematisch zu ihr hinwenden. Anstatt uns die Köpfe über "Wirtschaftsflüchtlinge" zu zerbrechen, können wir darüber nachdenken, wie Arbeit in 50, 100 Jahren aussehen wird und was diese zukünftige Generation von uns womöglich braucht, um mit radikal veränderten Rahmenbedingungen umzugehen. Welche Vorleistungen sind zu erbringen? Was ist heute zu tun, damit morgen gelungenes Leben gelingen kann? Schließlich sind auch wir Nutznießer der Vergangenheit, aber anstatt in Vorlage zu treten, bleiben wir der zukünftigen Generation neue Konzepte schuldig. Wir zerbrechen uns nicht den Kopf, was denn nicht alles möglich sein könnte. Wir fürchten uns vor der Zukunft zurück in die Vergangenheit, die nichts anderes anzubieten hat, als Lernerfahrungen, aus denen wir etwas Neues entwickeln sollten. Stattdessen tragen wir Parolen vor uns her, von deren Erfinder kaum mehr jemand am Leben ist. Hole Phrasen, für die heute niemand einstehen muss. Zu der man keine Haltung braucht, sondern eine flüchtige Meinung reicht. Ein Plakat auf der Straße, ein Regierungspapier., reich an Überschriften.

 

Ich bin besorgt. Allerdings ist mein Anlass zur Sorge nicht die Angst vor der Vergangenheit. Ich befürchte, wir versäumen die Zukunft, indem wir zukünftigen Generationen den Anschluss verwähren. Wir agieren nicht vorwärts, wir wünschen uns zurück in eine Zeit, die von der Gegenwart keine Ahnung hatte. Und während wir alte Konzepte und Denkweisen aufwärmen, Tradiertes neuerlich erproben, von Gestern träumen, dreht sich die Welt weiter. Schneller als jemals zuvor...

Kerstin Feirer

Langäckergasse 27, 8200 Gleisdorf, Österreich