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Medikament
Du weißt, die Medikamente wirken, wenn du gerade und trotz allem einen kühlen Kopf bewahrst. Es ist nicht so, dass ich sorglos auf die Welt blicke. Nur fehlen Angst und Panik, die den Abstand zu den Geschehnissen verkleinern. Obwohl beides der momentanen Situation angemessen wäre.
Ich sitze auf der Couch, in meiner Hand das Handy, das mir meine tägliche Dosis internationaler Nachrichten entgegenbrüllt. Breaking News, wohin man scrollt. Gefolgt von bedenklichen Stellungnahmen zu den jüngsten Ereignissen, die bereits von den nächsten beim Ringen um unsere Aufmerksamkeit gejagt werden. Es geht alles sehr schnell. Worte wechseln die Besitzer, als würden sie wahrer werden, werden sie nur oft genug ausgesprochen. Drohungen verlassen geschlossene Räume, die eigentlich zur Verschwiegenheit verpflichten. Die Zeiten sind vorbei. Der Krieg der Worte ist längst ausgebrochen.
Wie gesagt, deine Medikamente wirken, wenn dir ein schrilles Lachen entfährt. Während du zusiehst, wie sich verurteilte Vergewaltiger, namhafte Kriegsverbrecher, Betrüger und Lügner versuchen, die Welt unter sich aufzuteilen. Mit Gepolter. Als müsste man jegliche Moral brechen, in Vorbereitung auf den Kampf, der längst am Plan steht.
Die Szenerie erinnert an einen schlechten Hollywoodfilm. Das Skript folgt den Erwartungen, sodass sich niemand wundern kann. Obwohl man es trotzdem tut. Weil kein Verstand begreifen wird, dass das alles in Echt passiert. Dem Film würde man glauben. Den Presseverlautbarungen nicht. Wozu auch? Es geht doch immer gut aus! Irgendwer wird schon zur Vernunft kommen. Sich in letzter Minute einigen oder sterben. Oder eben nicht. Dann werden andere sterben. Unmittelbar und an den Folgen. Wobei momentan niemand annimmt, selbst zu den Opfern zu gehören.
Wer denkt sich das gerade aus? Denke ich und scrolle weiter. Nicht mal mehr hoffend, dass die folgenden News eine andere Richtung einschlagen. Es geht dahin. Wohin? Dorthin, wo eigentlich niemand sein will. Dorthin, wohin Überzeugung und blinder Gehorsam einen führt. Und zwar jene die noch nie selbst denken konnten und jene, die es sich längst ausgedacht haben. Am Ende ist es nämlich egal, ob du wusstest, was kommt, ist es tatsächlich da.
Die Medikamente wirken. Ich stehe auf. Für die nächste Tasse Kaffee. Für den nächsten Nachrichtenblock, der mit Koffein nicht nach schalem Kaffee schmeckt. Die Nervosität richtet sich nicht mehr gegen die. Sie richtet sich gegen das Ausbleiben des Schlafs, den man sich mittlerweile rund um die Uhr wünscht. Weil es keine Rolle mehr spielt, was man sieht oder glaubt zu erkennen, solange man nicht fühlen muss, was es bedeutet.
Naiv war ich nie, auch wenn ich heute wünschte, ich wäre es gewesen. Ich hätte meine Zeit besser verbracht als in dem Wissen, dass wir erleben werden, was Naive sich nicht vorstellen konnten. Dafür wache ich jetzt jeden Tag auf. In einer Realität, deren Absurdität ich mir nur in meinen schlimmsten Träumen ausgemalt habe. Ohne Angst. Ohne Panik. Weil die Medikamente wirken.






