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Blogmas Tag 15: Vater Unser
Gott ist Konstruktivist. Das vermute ich zumindest, seit wir uns das letzte Mal getroffen haben. Wir pflegen seit Jahrzehnten eine unverfängliche Beziehung, die es mit sich bringt, dass wir uns vermutlich zufällig irgendwo begegnen und einen schnellen Kaffee miteinander trinken, bevor ich zum nächsten Termin hetze.
Gott hat nie Stress, geschweige denn einen Termin. Das liegt nicht daran, dass er Gott ist. Er hat seinen Festnetzanschluss gekündigt und aus Ermangelung eines Bonitätsnachweises keinen Handyvertrag bekommen. Somit ist er unerreichbar und frei von jeglicher Terminknute, die ihn unter Zeitdruck setzt. Er beschränkt sich darauf sein Tagesgeschäft in der Gegend herumziehend abzuwickeln.
Wer spontan Zeit und Lust hat, mit ihm über Gott und die Welt zu plaudern, gesellt sich, wie in meinem Falle, ins nächste Stehkaffee, und bespricht das, was er glaubt, mit Gott besprechen zu können.
Zwischen uns ist es grundsätzlich entspannt. Dass ich nicht an ihn glaube, erleichtert das Gespräch ungemein. Er muss sich mir nicht unentwegt beweisen und ich erspare mir den Kniefall sowie das Herunterleiern hunderter Vater Unser als Beweis meiner Gläubigkeit. Wir kommen schnell auf den Punkt und ich erzähle ihm von dem, worin ich, seit unserer letzten Begegnung, Erfahrungen gesammelt habe.
„Ich habe mich seit unserem letzten Treffen den Konstruktivisten zugewandt,“ berichte ich aufgeregt, „ich glaube, ich weiß derzeit überhaupt nichts, außer, dass ich dazu vermutlich nie in der Lage sein werde!“
„Das ist ja schon was,“ entgegnet er, „was glaubst du, wie es mir geht? Ständig wird von mir Allwissenheit verlangt, dabei wird verwechselt, dass ich den Menschen lediglich eine göttliche Sicht auf die Welt liefern kann! Anstatt euch selbst ein Bild eurer Welt zu machen, verlegt ihr euch darauf, eure Eigenverantwortung, mein schöpferisches Glanzstück im Übrigen, abzuschieben um mich wegen jedem Pfurz um Rat zu fragen. In letzter Konsequenz macht ihr mich dafür verantwortlich. Ihr führt Kriege im Namen des Herren, obwohl ich euch nicht darum gebeten habe und jagt ein Stoßgebet nach dem anderen gegen den Himmel, im Glauben, dass ich euch Menschen und euer Tun, das ihr zu verantworten habt, so hinbiege, wie es sich aus eurer Sicht gehört.
Nur wie kann ich? Wie soll ich aus meiner allumfassenden Perspektive heraus entscheiden? Und wer außer Gott könnte diese Entscheidungen verstehen, geschweige denn wahrnehmen, dass ich sie getroffen hätte? Ich bin nicht von eurer Art! Als Gott kann ich sagen, ich habe die Menschen mit all dem ausgestattet, was sie brauchen, um die eigenen Geschicke und letztendlich die der Erde, zum Wohlwollen aller hinzulenken. Wenn ich sage, der Mensch ist die Perle der Schöpfung, dann weiß ich das aus einer göttlichen Wahrheit heraus, dass es genauso ist. Und gleichzeitig beobachte ich, wie wenig die Menschen davon wahrnehmen und für sich zu nutzen wissen! Das versetzt mich regelrecht in eine Glaubenskrise! Wie können viele von euch überhaupt behaupten an mich zu glauben, wenn sie nicht an sich selbst glauben? Ich bin Gott und baue keinen Schrott!“
Ich starre ihn irritiert an. „Ich weiß, was du mich fragen willst!“ entgegnet er, bevor ich überhaupt mein Wort an ihn richten kann „wie ich tatenlos zusehen kann, wenn ich beobachte, was auf und mit der Welt geschieht? Das ist meine Beobachtung, die alle Zeiten miteinschließt. Meine, durch mich konstruierte Weltsicht. Die ist, genauso wie deine oder die eines anderen, weder richtig noch falsch. Göttlich wie menschlich eben. Ich habe euch die Möglichkeit gegeben, selbstverantwortlich zu handeln. Dass euch das so schwerfällt, habe ich nicht bedacht, obwohl ich es vorhersehen hätte können. Bei all dem Erschaffen habe ich den Umstand eurer Schwerfälligkeit in Hinblick auf die Übernahme von Verantwortung, nicht in Betracht gezogen, da ich mir nicht träumen hätte lassen, dass auf so etwas Großartiges weitestgehend verzichtet wird. Menschen gab es vor euch eben nicht.
Was mir, aus meiner Sicht zumindest, an euch gelungen ist, ist eure Fähigkeit zur Entwicklung. Darauf will ich nicht Einfluss nehmen, sonst wäre es nicht die eure. Es wäre keine Entwicklung, es wäre ein Lenken. Aus dem ihr nichts lernen würdet.
Ich nicke stumm. Gott lächelt wohlwollend und meint in seiner unverwechselbaren, göttlichen Stimme: „Schau mich nicht so entgeistert an! Ihr bekommt das hin!“






