Blogmas Tag 21: Märchen die das Leben schreibt

Für mich als Kind lagen die Kinder und Hausmärchen der Gebrüder Grimm zu nahe an der eigenen Realität. Das „Es war einmal“ schaffte nicht den nötigen Abstand, um nach der Lektüre seelenruhig einschlafen zu können. Der Schlusssatz „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ war mir Beweis genug, dass all das, was mir wenige Zeilen zuvor vorgelesen wurde, im Jetzt existent sein könnte. Dieser Umstand bescherte mir die Gewissheit, dass es sich bei Märchen um wahrheitsgetreue Nacherzählungen handeln musste, die genau das beschrieben, was sich tatsächlich damals im Hexenhaus zutrug. Wie könnte es auch anders sein, wenn irgendwo der Prinz noch immer die Prinzessin küsst, sofern sie nicht gestorben sind.

Niemand konnte mir glaubhaft versichern, dass die Hexe das Zeitliche gesegnet hatte. Schließlich war sie imstande, ein Haus aus Kuchen zu bauen. Da dürfte es für sie ein Leichtes gewesen sein, unbemerkt aus dem Backofen zu entkommen, um andernorts, vielleicht ganz in meiner Nähe, weiter ihr Unwesen zu treiben, indem sie Naschkatzen wie mich in die Falle lockte. An meinen Wolfshorror mag ich heute noch nicht denken. Oft genug wurden mir seine Brüder im Tierpark vorgeführt. In Anbetracht der Überreste diverser Wolfsmahlzeiten war mir als Kind klar, dass der sieben Geißlein verspeisende Wolf nicht aus seiner Art geschlagen war, sondern in Herberstein seinesgleichen fand. Diese kindliche Überzeugung bescherte mir so manche schlaflose Nacht, in der ich schwitzend unter der Bettdecke mein frühzeitiges Ableben herannahen hörte, wenn meine Mutter an meinem Zimmer vorbeischlich.

Jahre später war es dann an mir, meinem Kind Märchen vorzulesen. Mit meinem eigenen Leid als Kind vor Augen und dem Drängen meiner Tochter nachkommend, machte ich mich auf die Suche nach Märchen, die in mir keine von Angst geprägten Erinnerungen wachriefen. Ich schlug das Märchenbuch auf und wurde fündig. Die Bremer Stadtmusikanten.

Ich erinnerte mich daran, dass dieses Märchen spurlos an mir vorübergegangen war. Nichts daran hatte Gänsehaut erzeugt. Im Gegenteil. Für mich waren die Bremer Stadtmusikanten eine hervorragende Einschlafmöglichkeit gewesen, aus Ermangelung an eindrücklichen Ereignissen, die mich selbst hätten treffen können. Der Inhalt lässt sich wie folgt zusammenfassen: Alte, ineffiziente Tiere werden ausrangiert und sollen auf die Schlachtbank geführt werden, um einen letzten Nutzen aus ihnen zu ziehen. Die Flucht jedes Einzelnen gelingt, und gemeinsam gründen sie eine Band, die Bremer Stadtmusikanten, die am Ende angekommen eine letzte Heldentat vollbringen, indem sie die bösen Räuber mit ihrem Gejaule vertreiben.

Entspannt begann ich zu lesen, wissend, dass keine Hexe in meiner Fantasie wiederauferstehen würde. Das vertraute „Es war einmal“ ging mir leicht von den Lippen, und ich sah den nächsten fünfzehn Minuten des Vorlesens gelassen entgegen. Nach dem ersten Absatz, in dem die Flucht des alten, unbrauchbaren und kostenintensiven Esels beschrieben wurde, stieg jedoch ein beklemmendes Gefühl in mir auf.

Zunächst hielt ich es für meine altbekannte Märchenphobie und las tapfer weiter. Ein nutzloses Tier folgte dem nächsten, und mit jedem beschriebenen Schicksal wurde mir klarer, was mir auf dem Herzen lag. Dieses Märchen lag verdammt nahe an meiner Erwachsenenrealität.

Immer wieder fühlte ich mich an Geschichten aus meiner unmittelbaren Umgebung erinnert, in denen sich einstige Helden von ihrer plötzlich eigenen Nutzlosigkeit erschüttern ließen. Vieles von dem, was in diesen wenigen Zeilen beschrieben wird, füllt Protokollseiten diverser Beratungsstellen und Gerichtsakten, die das Abwehren des unausweichlichen „Weg mit dir“ dokumentieren.

Ausgemustert und als Kostenstelle untragbar zu werden, weil die eigene Leistung im Auge des Controllers in keinem wirtschaftlichen Verhältnis mehr zur jahrzehntelang erarbeiteten Gehaltsstufe steht, befördert eine unbequeme Wahrheit zutage. Nämlich die, nicht bis zur Bahre das Letzte geben zu können. Im Unterschied zu den Bremer Stadtmusikanten wartet statt eines Happy Ends oft ein tragisches Schicksal, das sich in der herannahenden Zukunft einer Senioreneinrichtung erfüllt.

Meine Angst vor dem eigenen Altwerden stieg in mir empor. Wie wird das einmal sein? Wie lange kann ich meinen Beruf, den ich über alles liebe und der mir Sinn verleiht, noch ausüben? Was geschieht, wenn man mich auffordert, meinen Platz zu räumen, um jenen Raum zu geben, die künftig die gewünschte Leistung zum halben Preis erbringen? Muss ich mich auch zum Teufel scheren, um nicht auf der Schlachtbank zu landen? Und was bleibt von mir, wenn ich ausschließlich Kosten verursache und keine andere Leistung mehr erbringen kann, als selbstständig die Toilette aufzusuchen? Trotz meines musikalischen Talents, das jeden in die Flucht schlägt, frage ich mich, ob ich jemals flexibel genug sein werde, mein in die Jahre gekommenes Leben noch einmal auf den Kopf zu stellen. Habe ich das Zeug zum Bremer Stadtmusikanten?

Auf halber Textstrecke war ich vollständig in Fragen verstrickt, die meine eigene Zukunft oder vielmehr die Angst davor betrafen. Mein Vorlesen verlor jede Spannung und litt massiv unter meinen bedrückenden Zukunftsbildern. Meine Tochter blickte an mir hoch, meinem Vortrag offensichtlich überdrüssig, und meinte bestimmt: „Das Märchen ist langweilig. Lesen wir etwas Gruseliges.“

Ich sah sie im ersten Moment verstört an und erfüllte ihren Wunsch umgehend. Sollte sie sich ruhig ein wenig vor der Hexe fürchten. Die Angst vor den Bremer Stadtmusikanten kommt früh genug. Und sie bleibt bis zum bitteren Ende.


Life

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