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Blogmas Tag 23: Mehr
Ich bin derzeit schiffbrüchig. Mein Schiff ist nicht untergegangen. Ich bin freiwillig und voller Hoffnung ins Mehr gesprungen. Sehnsüchtig habe ich mir immer wieder vorgestellt, wie es wäre, in dieses Mehr einzutauchen, um aus eigener Kraft neue Ufer zu erreichen. Ich träumte von Inseln, die mich aufnehmen würden, ohne zu fragen, was mich an ihr Ufer getrieben hat.
Im Traum war ich Gulliver, durch mein Anderssein zum Heilsbringer bestimmt. Ich glaubte fest daran, dass ich, wenn ich mich nur lange genug über Wasser halten könnte, irgendwann dort ankommen würde, wo sogar Zwerge zu Riesen werden.
Der Sprung ins Mehr braucht Überwindung. Ich habe sie erst nach Jahren gefunden. Gerade erst an Bord angeheuert, hatte ich das Mehr zum ersten Mal erblickt. Von da an ließ mich der Wunsch, es selbst zu durchqueren, nicht mehr los. Das Schiff wurde mir Heimat und Aussicht zugleich. Ich lernte, mit den Tücken umzugehen, zumindest jenen, die das Schiff betrafen. Mehrmals hatten wir uns gegen das Kentern gewehrt.
Ich beobachtete andere, wie sie sprangen, trieben oder schwammen. Manche erreichten scheinbar sicher ihre Ziele, andere drifteten ziellos in Fässern dahin, ohne zu merken, dass sie längst Ruder in der Hand hielten. Ich sah Leichen und Scheintote, die an Erschöpfung oder dem eigenen Zweifel untergingen. Und ich hörte Geschichten von jenen, die zurückkamen. Ihre Berichte klangen nach Abenteuer, nach Freiheit. Ich lauschte ihnen voller Ehrfurcht und vergaß dabei, dass sie im selben Boot gesessen hatten wie ich.
Mit der Zeit glaubte ich zu wissen, wie man das Mehr übersteht. Ich war überzeugt, genug gelernt zu haben aus den Fehlern der einen und dem scheinbaren Erfolg der anderen. Ich hielt es für sicher, dass ich es schaffen würde. Ohne es je selbst versucht zu haben.
Dann kam der Moment. Ich erklomm die Reling, sprang und die Bugwelle zerschlug mir die Illusion. Es war nicht die Angst vor dem Ertrinken, die mich überwältigte. Es war das Gefühl, völlig die Orientierung zu verlieren. Aus dieser Perspektive hatte ich das Mehr noch nie erlebt. Alles schien weit entfernt, ungreifbar. Ich versuchte, dem Schiff zu folgen, um wenigstens vom Licht am Horizont zu profitieren.
Doch das Mitschwimmen zerrte an meiner Kraft. Ich trieb das Schiff weiter voran, kam selbst aber nicht mehr mit. Die, die nun an der Reling standen, wussten plötzlich alles besser. Sie sprachen vom Schwimmen, vom Durchhalten, vom Ankommen. Ich aber schwieg, entzog mich der Beobachtung, ließ mich treiben.
Ich ruhte meine Arme aus. Ich atmete. Und plötzlich, in einem dieser zufälligen, unklaren Momente, wurde mir bewusst: alles, was ich über das Mehr zu wissen glaubte, war bloß Schiffswissen. Im Wasser war es nutzlos.
Jetzt treibe ich. Ohne Boden unter den Füßen. Ich genieße die Schwerelosigkeit, den Raum um mich herum. Ich kann rudern oder loslassen, abtauchen, durchatmen, auftauchen. Die Zeit im Mehr ist mir zur Lehrzeit geworden. Nicht über die Inseln, die ich suche. Sondern über mich.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, irgendwo anzukommen. Vielleicht geht es nur darum, das Mehr zu betreten.







